Heute haben wir uns mit Carmen (eine der Gründerinnen von Westwind e.V.) getroffen und ein wenig über den Verein geplaudert. Aber lest selbst:

Fotos: Westwind e.V.

(RWT) Hallo Carmen, stell dich kurz vor:

Carmen Wilckens, 55 Jahre alt, Wirtschaftsfachwirtin und Grüne Bezirksabgeordnete in HH-Nord, Alltagsradlerin mit Vorsatz und Überzeugung!

(RWT) Wie seid ihr auf die Idee gekommen Westwind zu gründen?

(Carmen) Im Sommer 2015 kamen beständig mehr Geflüchtete in die Stadt. Durch meine politische Arbeit wusste ich, dass zur damaligen Zeit ca. 20.000 Menschen auf der Flucht in Hamburg waren und kannte das täglich größer werdende Problem, die die Unterbringung der Menschen darstellte. Ich habe Gelegenheit gehabt, die ZEA Sportallee (damals eine von zwei Erstunterkünften in der Stadt!) kennenzulernen und mit dem Leiter zu sprechen. Ich war damals zutiefst betroffen, dass die 500 Bewohner in einem kargen Gewerbegebiet „abgestellt“ waren und keine Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe hatten, keine Möglichkeit der Mobilität, keine Möglichkeit überhaupt ihre neue Heimat – die Stadt, die Menschen – zu sehen und kennenzulernen, jemanden zu besuchen oder einfach mal rauszukommen. Der Leiter der ZEA erzählte, dass die Bewohner nur dann Fahrscheine für den HVV bekämen, wenn sie Behördentermine hätten. Wollten sie sonst irgendwohin, würden sie sich oft automatisch strafbar machen, da sie kaum Geld für Fahrscheine hätten und dann schwarzfahren würden. Damals entstand die Idee, den Geflüchteten Fahrräder zur Verfügung zu stellen, um sie mobil zu machen. Christian arbeitet in einem Fahrradladen in Schenefeld und hatte bereits einmal gebrauchte Räder aufgearbeitet und an Geflüchtete weitergegeben. Wir hatten also beide die gleiche Idee … und so nahm das Projekt Fahrt auf. Wir machten bei Facebook eine Gruppe und Christian nannte sie „Westwind – Fahrräder für Flüchtlinge“. Der Westwind ist die in Hamburg vorherrschende Windrichtung – als Radrennfahrer kannte er das gut und fand den Namen symptomatisch sowohl für Hamburg, wie auch fürs Rad fahren.

(RWT) Welche Ziele verfolgt ihr mit Westwind …

(Carmen) Die Kerntätigkeit unseres Vereins ist und bleibt die Instandsetzung und Bereitstellung gespendeter Fahrräder für Bedürftige in Hamburg, um sie mobil zu machen. Wir haben vielen Geflüchteten die Möglichkeit geben, umweltfreundlich mobil zu sein und haben Ihnen damit die Integration in Hamburg erleichtert. Gerne geben wir auch Fahrradkurse für Frauen, weil uns immer wieder aufgefallen ist, dass viele arabische Frauen nicht oder nur unsicher Rad fahren können. Auch unsere gemeinsamen Fahrradtouren wollen wir weiter stattfinden lassen.

Größte Herzensangelegenheit ist es uns jedoch, Schüler*innen im Praktikum zu betreuen. Damit leisten wir aktive Integrationsarbeit, geben Hilfe zur Berufsorientierung und fördern die Sprachkompetenz der Geflüchteten. Diesen Bereich möchten wir weiter ausbauen.

(RWT) ….. und wie seid ihr derzeit aufgestellt?

(Carmen) „Wir“, das sind inzwischen rund zwanzig Ehrenamtliche aus dem Quartier und ganz Hamburg, Alteingesessene und neue Hamburger, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund – Westwind ist bunt und vielfältig, wie auch unsere Zielgruppe. Wir werden derzeit noch aus dem Integrationsfonds der Hamburgischen Bürgerschaft gefördert. Ende des Jahres läuft die Förderung aus. Wir arbeiten momentan daran, Geldgeber zu finden, um unsere Arbeit fortführen zu können.

(RWT) Was bedeutet für dich Mobilität und was hat das mit Integration zu tun?

(Carmen) Fahrrad fahren bringt Spaß, ist billig und umweltfreundlich. Mit dem Rad kommt man bequem und günstig zu vielen Orten in der Stadt. Zudem ist Mobilität ist ein wichtiger Beitrag zu Integration und gesellschaftlicher Teilhabe und macht die Stadt für geflüchtete Menschen im ursprünglichen Sinn des Wortes erfahrbar. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, bietet Chancen zum Kennenlernen unserer Stadt – ihrer vielfältigen Stadtteile, ihrer Landschaft, ihrer Topographie, ihrer Wege und vor allem ihrer Menschen.

(RWT) Wieviele Fahrräder habt ihr im Laufe der Zeit ausgeteilt?

(Carmen) Wir haben ca. 1000 Menschen auf’s Rad gebracht

(RWT) Wie lang ist die Warteliste und hat sich die Zahl der Wartenden im Laufe der Zeit deutlich verändert? Wer bekommt überhaupt von euch ein Fahrrad?

(Carmen) Derzeit sind ca. 80 – 100 Wartende auf der Liste. Am Anfang mussten wir noch selber zusehen, wo wir die Räder loswerden. Erstens kannten uns noch wenige und zweitens waren die vordringlichsten Aufgaben, die Unterbringung der Menschen und die Bewältigung der Asylformalitäten. Im Herbst/Winter 2015 haben wir rund 100 Räder in die EA Dratelnstraße gebracht. Das war die erste nachhaltige Kooperation – dickes Danke an Ovid Heekt!!

Doch im Frühjahr 2016 kamen immer mehr Bestellungen von Unterkünften und dann langsam auch immer mehr von Geflüchteten selbst. Zeitweilig standen damals auf der Warteliste über 200 Personen und die Wartezeit betrug mehrere Monate.

(RWT) Wie finanziert ihr eure Arbeit?

(Carmen) Wir bekommen immer mal wieder Geldspenden, von Menschen, die unsere Arbeit gut finden und das unterstützen wollen. Außerdem werben wir Fördergelder ein. Es gibt verschiedene Fördertöpfe der Stadt Hamburg und von den Bezirken, sowie Stiftungen & Vereine, bei denen gemeinnützige Vereine Geldzuwendungen beantragen können. So decken wir immer wieder den Bedarf für den Einkauf von Fahrradteilen. Für die wochentägliche Betreuung von Schüler*innen im Rahmen von Praktika brauchen wir allerdings die finanzielle Unterstützung aus größeren Förderprogrammen, da wir dann hauptamtliche Mitarbeiter brauchen.

(RWT) Wofür braucht ihr Geldspenden?

(Carmen) Vieles ersetzen wir aus dem Fundus der Gebrauchträder. Aber manche Fahrradteile muss man neu kaufen. Das sind alle Verschleißteile: Reifen, Schläuche, Kette, Ritzel, Bremsklötze, Bremszüge, Schaltzüge und Felgen.

(RWT) Benötigt ihr/ nehmt ihr auch Sachspenden an? Wenn ja, was und wo kann man die Sachen loswerden?

(Carmen) Spendenräder und Fahrradteile können an jedem Sonnabend zwischen 16:00 und 19:00 an unserem Werkstattcontainer an der Rindermarkthalle in St. Pauli, Neuer Kamp 31 abgegeben werden. Besonders gerne nehmen wir auch Fahrradschlösser und Kindersitze!

Fotos Westwind e.V.

(RWT) Kann man euch auch in sonstiger Form unterstützen? Wenn ja, wie kann man sich einbringen und in welchen Bereichen benötigt ihr am dringendsten Unterstützung?

(Carmen) Wir brauchen gerne noch ein paar Leute, die bei uns mit anpacken. Sei es jemand, der Ahnung von Fahrradmechanik hat (Nabenwartung, Tretlagerausbau, etc.) oder sich einbringt um beim Transfer von Rädern von Spendenabgabe zur Werkstatt und zurück zur Ausgabe zu helfen; Fahrradtouren und Radfahrkurse wollen organisiert werden und Fundraising ist ein auch großes Thema.

(RWT) Kann man bei euch auch ein Praktikum machen? Oder Bundesfreiwilligendienst?

(Carmen) Ja, wir bieten Praktikumsplätze an. Sowohl für Schüler der 9. + 10. allgemeinbildenden Klassen an, sowie für die Ausbildungsvorbereitung für Migrantinnen und Migranten (AVM Dual). Das ist ein dualisierter, ganztägiger Bildungsgang für neuzugewanderte Jugendliche in Hamburg zwischen 17 und 19 Jahren. Dualisiert bedeutet, dass die Jugendlichen die Chance erhalten, sich in Schule und Betrieb auf ihr späteres Berufsleben vorzubereiten. Neben dem Kennenlernen von Berufen mit dem Ziel einer Berufswahlentscheidung, geht es auch um den Erwerb der deutschen Sprache im betrieblichen Kontext.

(Carmen) Seit April 2018 sind wir zugelassen als Einsatzstelle im Bundesfreiwilligendienst. Voraussichtlich im Sommer wird unser erster BUFDI bei uns anfangen. Wir freuen uns sehr!

(RWT) Wie geht es weiter? Was sind eure Ziele?

(Carmen) Wir wollen weiterhin möglichst viele Menschen auf’s Rad bringen! Das heißt Menschen, die sich kein Rad leisten können, mit einem Rad versorgen und Menschen, die noch nicht gut Rad fahren können, helfen es zu lernen. Und auf jeden Fall wollen wir auch weiterhin Praktikanten die Möglichkeit geben, den Beruf des Zweiradmechatronikers, Fachbereich Fahrrad kennenzulernen und bei uns in die Berufswelt reinzuschnuppern.

(RWT) Und zum Schluss vielleicht noch drei Sätze zur Refugees Welcome Tour?

(Carmen) Was die Brüder Hannes und Jonas Pieper da auf die Beine stellen, ist echt der Hammer! Wir fühlen uns total geehrt, dass wir die Begünstigten dieser tollen Charity-Fahrradtour sein dürfen. Wir sind schon richtig aufgeregt und werden jede Etappe mit gedrückten Daumen verfolgen und wünschen unfallfreie Fahrt, gutes Wetter, viel Rückenwind & wenig Regen. Kette rechts!

Liebe Carmen vielen Dank für das ausführliche Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Westwind e.V.